Die Traditionsmedien versorgen uns täglich mit neuen Schauermärchen rund um die vielen Verbrechen, die im Internet geschehen. Entsprechend dazu fordert die Polizei immer mehr Befugnisse und Maßnahmen, wie zum Beispiel die schon lange hart umkämpfte Vorratsdatenspeicherung, oder kurz auch VDS genannt.
In der heutigen Rheinpfalz wurde mir in der Frankenthaler Regionalausgabe gleich auf Seite 1 ins Gesicht gedrückt, dass (mal wieder) die wildesten Gefahren im Internet lauern. Die Zeitung titelte "Internet-Kriminalität nimmt stark zu" und entsprechend war ein hübsches Stockphoto mit einem Screenshot von eBay zu sehen.
Man könnte nun meinen, es ginge in dem Artikel in erster Linie um den Titel, das Internet und seine Gefahren, doch halt, erst im Untertitel werden gleich zwei Dinge vollzogen: Die Polizei fordert mal wieder die VDS - und es wird offenbar, dass es um die Kriminalstatistik 2010 der Stadt Frankenthal geht.
Im darauf folgenden Text geht es gerade mal in etwa zweieinhalb Absätzen (von zwölf!) um das Thema Internetkriminalität, ansonsten werden sehr viele Zahlen präsentiert, ohne aber dass irgend eine Bilanz gezogen wurde - bis eben auf die oben genannte Erkenntnis.
Zu den Zahlen komme ich gleich, aber ich muss noch erwähnen, dass es der gleiche Redakteur, Herr Stephan Pieroth, für nötig erachtete, noch einen Kommentarkasten zum Thema Internetkriminalität hinzu zu geben. Hier wird gesagt, dass Frankenthal "sogar über dem Bundesdurchschnitt" von 60.000 Fällen liege. Das hört sich nach sehr viel an!
Aber nun zu den nackten Fakten - Zahlen statt Worten.
Vermögen/Fälschung: 944 Fälle
Internet: 169 Fälle
Rauschgift: 240 Fälle
Straftaten i. öff. Raum: 1454 Fälle
Gegen das Leben: 2 Fälle
Sexuelle Selbstbest.: 59 Fälle
Rohheit: 1013 Fälle
Eigentum: 1967 Fälle
(nicht im Artikel genannt) 168 Fälle
Gesamtzahl Delikte: 6016 Fälle
Ich will mir nicht diesen Bären aufbinden lassen, deswegen verschweige ich nicht, dass der Bereich Internet mit 64 % die höchste Wachstumsquote hat. Im Hinblick auf die immer höhere Anzahl an Internetnutzern aber relativiert sich das schnell wieder, auch in Bezug auf die Wachstumsdaten im wirtschaftlichen Bereich.
So sieht diese Aufteilung in einem Diagramm aus:

Wie man deutlich sehen kann, trägt der im unglaublich unfassbaren Ausmaß gestiegene Anteil der Internetkriminalität zu 2,8 % aller registrierten Straftaten bei.
Das rechtfertigt mit Sicherheit auch die Bildunterschrift in dem Artikel: "solche und ähnliche Fälle bescheren der Polizei Mehrarbeit." Böse Zungen könnten behaupten, dass bei 2,8 % Mehrarbeit so mancher vor Überanstrengung aus dem Bürosessel kippte, weshalb gleich nach der beliebten Vorratsdatenspeicherung gerufen wird, welche die Aufklärung der Verbrechen drastisch erhöhen könnte!
Immerhin würden 2,8 % mehr gelöste Fälle die Aufklärungsquote von 59,5 % für 2010 auf sagenhafte 62,3 % anspringen lassen - dafür opfert man doch gerne seine Privatsphäre, jegliche intime Kommunikation und Millionen an Unkosten, um das System zu installieren und am Laufen zu halten!
Liebe Leser, es ist doch offensichtlich: "Längere Datenspeicherung wäre hilfreich" sagt die Polizei, und ist sich ob der veröffentlichten Zahlen längst bewusst, dass der Einsatz der Vorratsdatenspeicherung völlig unverhältnismäßig zu ihrem *potenziellen* Nutzen ist.
Denn wie es auch in dem Kommentar von Stephan Pieroth so schön gesagt wird: "Computer gewinnen als Hilfsmittel für Betrug und Datenspionage rasant an Bedeutung."
Hehe. Datenspionage. Das weiß auch die Polizei. Sagt NEIN zur Vorratsdatenspeicherung!